Von Wasserkraft über Braunkohle bis hin zu erneuerbaren Energien – energetische Nutzungen prägen unsere Landschaften seit langem. Energetische Nutzung meint in diesem Kontext v. a. die Umwandlung von Rohstoffen in thermische oder elektrische Energie, von potentieller Energie in mechanische Arbeit. Auch wenn der Begriff Energielandschaft erst mit den großflächigen Windparks populär wurde, kann man prinzipiell alle Landschaften, die von Praktiken der Energieversorgung geprägt sind, als solche bezeichnen. Zu diesen Prägungen zählen Anlagen der Gewinnung und Aufbereitung, des Transports und der Speicherung, der Verteilung, des Verbrauchs und der Entsorgung. Eine Vielzahl von Kulturtechniken sind mit jenen Prozessen verknüpft und seit Jahrhunderten dienen sie dem Menschen zur Bereicherung und Vereinfachung seines Lebens, begünstigen und bezeugen technologischen Fortschritt.
Landschaften und die einzelne Elemente ihrer Ökosysteme bieten verschiedene Möglichkeiten für die Gewinnung von Energie. Zugleich erfährt die Landschaft durch ihre energiespezifische Nutzung oft eine gravierende Veränderung. Die sichtbaren Spuren können sich von einzelnen Architekturen über hektarweite Landnutzung erstrecken. Einzelne Kulturlandschaften werden vollständig von ihrer Funktion als Rohstofflieferant zur Energieversorgung geprägt, so z. B. manche Forste oder Ackerflächen. Auch die Verteilung von Siedlungen (z.B. entlang eines Bachlaufs) oder die wirtschaftliche Ausrichtung von Dörfern und Städten, etwa aufgrund von Vorkommen wie Torf oder anderer fossiler Energieträger, sind Folgen der komplexen Verbindung von Landschaft und Energie. Im Rahmen der Kampagne zum Kulturerbe des Jahres sollen die sichtbaren Zeichen von Energienutzung in der Landschaft sowie das dazugehörige immaterielle Kulturerbe stärker ins Bewusstsein gerückt werden.
Kulturerbe des Jahres
Der Bund Heimat und Umwelt in Deutschland (BHU) hat gemeinsam mit seinen Mitgliedsverbänden das Thema „Landschaft und Energie“ mit all seinen Facetten zum Kulturerbe des Jahres 2025 gewählt. Als Bundesverband der Bürger- und Heimatvereine, der zusammen mit seinen Mitgliedsverbänden die Interessen von rund einer halben Million Mitgliedern vertritt, macht der BHU mit der jährlichen Initiative „Kulturerbe des Jahres“ (bis 2024 „Kulturdenkmal des Jahres“) auf bedeutende und erhaltenswerte Kulturlandschaften mit ihren materiellen und immateriellen Elementen aufmerksam. Gleichzeitig wird damit das bürgerschaftliche Engagement zum Fortbestand unserer Kulturlandschaften sichtbar.
Der Europäische Köhlerverband und die Deutsche Wasserhistorische Gesellschaft (DWhG) sind in diesem Jahr die Kooperationspartner der Kampagne. Der BHU greift mit dem Kulturerbe das Jahresthema „Landscapes and Energy“ der Europäischen Landschaftsdekade (DALE) auf, das vom Verband CIVILSCAPE auf europäischer Ebene koordiniert wird.
Aktionen und Veranstaltungen des BHU und der Mitgliedsverbände zum Kulturerbe des Jahres 2025
Bundeskongress Heimat am 13.-14. Oktober 2025 in Berlin
Themenheft Energie und Landschaft des Heimatbund Thüringen (Heimat Thüringen 1/2025)
Beispiel des Monats aus Landschaft und Energie des Heimatverbandes Mecklenburg-Vorpommern
Vielfältiges Kulturerbe
Über Jahrhunderte war Holz die wichtigste Ressource zur Energieproduktion. Im Mittelalter wurde Holz so intensiv genutzt, dass es zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert zu einem Tiefstand des Waldanteils in Mitteleuropa kam. Eine besondere Form der Holzwirtschaft waren die Bauern- oder Niederwälder, in denen die Bäume in bestimmten Abständen auf Stock gesetzt wurden. Meilerplätze und Kohlenstraßen sind infrastrukturelle Zeugnisse energetischer Holznutzung. Auch bei der Verhüttung von Erzen, in Töpfereien, Ziegeleien, Glashütten, Salzsiedereien und in Teeröfen/Pechhütten kam Holz als Brennstoff zum Einsatz.
Ein weiterer wichtiger Energielieferant war und ist bis heute Wasser in Bewegung. Unzählige historische Wassermühlen entlang von Bächen und Flüssen zeugen davon. Vor allem zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert spielte die Wasserkraft eine entscheidende Rolle für die industrielle Entwicklung. Walzwerke, Glashütten und Metallgießereien profitierten von der Energie, die durch Wasserkraft erzeugt wurde. Die gezielte Überflutung von Talräumen und die Errichtung von Talsperren, die immer wieder Umsiedlungen von Dörfern erforderlich machten, bedeuteten massive Landschaftsveränderungen und Eingriffe in die Gewässersysteme. An Küsten nutzte man die natürliche Wasserbewegung von Ebbe und Flut für Gezeitenmühlen, später Gezeitenkraftwerke.
Wo Thermalquellen vorkommen, wurden schon in antiker Zeit Badestätten eingerichtet. Solche Lagen sind oft noch heute als Kurorte geschätzt. Städteplanungen mit Thermalbädern, Kurhäusern und Kurparks stellen auch hier eine direkte Reaktion auf die landschaftliche Besonderheit dar. Die Nutzung von Erdwärme zur Beheizung und Stromerzeugung erfährt gerade in den letzten Jahren eine Intensivierung; entsprechende Kraftwerke und Verteilungsnetze sind vielerorts im Aufbau.
Seit Beginn des Industriezeitalters zeugen Gruben, Halden und Bohrfelder von der Erschließung fossiler Brennstoffe wie Stein- und Braunkohle, Erdgas, Erdöl und Uran. Kraftwerke, Umspannwerke, Trafohäuschen, Stromtrassen, Speichertanks und Pipelines, aber auch Zapfanlagen wie Tankstellen u.a. erzählen von ihrer Aufbereitung, Verteilung und Nutzung.
Die Dimensionen und Folgen von Energiegewinnung wachsen bis heute stetig: Der großflächige Braunkohletagebau seit dem 19. Jahrhundert – inklusive seiner Rekultuvierungsmaßnahmen – vernichtete Kulturlandschaften unwiderruflich. Kernkraftwerke bergen seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Gefahr einer Kontaminierung ganzer Landstriche. Unmittelbar dazu gehört auch die Endlagerstättensuche, die mit spezifischen Anforderungen an die Landschaft verknüpft ist. Diese modernen Formen der Energieerzeugung wirken sogar über große Entfernungen und Zeiträume hinweg in die Landschaft ein.
In Zeiten der Energiewende und der Konzentration auf erneuerbare Energien nimmt der Flächenverbrauch für Energie weiter zu. Wo historische Windmühlen von einer frühen Nutzung der Windkraft zeugen, sind heutige Windkraftanlagen deutlich höher, in der Landschaft weithin sichtbar und daher häufig in der Nähe von Siedlungsgebieten Gegenstand von Diskussionen. Windräder, Solarparks, aber auch Anbauflächen von Energiepflanzen (besonders Raps und Mais) etablieren neue Sehgewohnheiten von Energielandschaften. Auch Kunstwerke auf Halden oder die Umnutzung von Bergbauarealen zu Kultureinrichtungen gehören zu unserem Kulturerbe im Zusammenhang mit Energielandschaften. Gleiches gilt für immaterielle Zeugnisse wie z. B. Kenntnisse und Traditionen der Bergleute, Müller und anderer, deren Erfahrung in die Pflege historischer Energielandschaften einfließt.
Gefährdetes Kulturerbe
Eine Überformung der historischen Kulturlandschaft geschieht seit jeher durch Veränderung der Energiewirtschaft selbst. Ihre Eingriffe lassen Kulturerbe, Landschaften und Denkmäler unwiederbringlich verschwinden und machen auch deren historische Bezüge zur Energie unlesbar. Die Geschichte von „Landschaft und Energie“ bezeugt, dass sowohl Raubbau an der Natur als auch nachhaltiger Umgang stattgefunden haben und beide Formen in allen Abstufungen weiterhin möglich sind. Die schnelle Entwicklung und der Wandel von Technologien im Energiesektor führen dabei auch zu einem Rückgang von Kenntnissen im Hinblick auf frühere Formen der Energiegewinnung und -verteilung. Spuren der Energiegewinnung finden sich noch vielfältig in der Landschaft. Sie bietet damit einen unverzichtbaren Schatz an Erfahrungen und Anknüpfungspunkten. Diese Spuren sind aber nicht immer selbsterklärend und bedürfen häufig der Vermittlung. Mit dem Kulturerbe des Jahres möchten der BHU und seine Mitgliedsverbände auf die Zeichen von Energiegewinnung in der Landschaft aufmerksam machen, ein Bewusstsein für das reiche kulturelle Erbe in unserer Kulturlandschaft schaffen und gute Beispiele für eine gelungene Pflege, aktuelle Nutzung und Vermittlung insbesondere im Rahmen von zivilgesellschaftlichem Engagement vorstellen.
Ihre Mitwirkung
Viele Erinnerungsorte, Mahnmale und Museen sind Bestandteil einer aktiven Auseinandersetzung mit unserer Geschichte. Es gilt, die Zeichen, Relikte und Ressourcen von Energiegewinnung und -nutzung in unserer historischen Kulturlandschaft zu erkennen, zu erforschen und zu pflegen sowie das dazugehörige immaterielle Kulturerbe weiterzugeben. Vermittlungsarbeit ist dafür besonders wichtig. Alle Bürgerinnen und Bürger können dazu beitragen, diese geschichtsträchtigen Orte zu erhalten, sie vor Verfall zu schützen und Bildungsarbeit zu leisten – beispielsweise durch die Mitwirkung in einem der zahlreichen Vereine oder auch auf privater Ebene. Gemeinsam mit seinen Mitgliedsverbänden setzt sich der BHU für zivilgesellschaftliches Engagement ein und steht als Ansprechpartner zur Verfügung.
Bildergalerie Landschaft und Energie
Kulturerbe des Jahres 2025
Ein Teil des letzten Abraumabsetzers (Baujahr 1973) vom Tagebau Meuro in der Lausitz dient heute als Seebrücke am Großräschener See, ein Tagebausee in Brandenburg. 1994 entstand dazu die Idee, 2004 wurde der Bandabsetzer demontiert. Der 66 m lange Abwurfausleger mit Mast und Seilabspannungen ist nun ein Wahrzeichen für den Braunkohlenabbau und für den Neuanfang als Seestadt. | Foto: Annette Schneider-Reinhardt
Kulturerbe des Jahres 2025
Das AKW Biblis (Hessen) ging 1974 in Betrieb. Seitdem stellten die 80 m hohen Kühltürme neben den Reaktoren Landmarken in der Oberrheinischen Tiefebene am Rhein dar. Das Bild ist von 2018. Inzwischen sind 2 der 4 Kühltürme kontrolliert gesprengt. | Foto: Von Rolf Kickuth - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=98412060
Kulturerbe des Jahres 2025
Der Trafoturm in Schaephuysen (NRW, Rheinland) wurde 1912 errichtet. Ab 2009 wurde der Turm mit Unterstützung der lokalen Initiative „Heimspiel“ als industriehistorische Landmarke im Sinne des Artenschutzes genutzt, gleichzeitig dient er seit 2023 als Zeitfenster, mit einem Blick in die 1950er Jahre. | Foto: Cornelia Camp
Kulturerbe des Jahres 2025
In den 1970er Jahren formierte sich in der Gesellschaft ein breiter werdender Widerstand gegen die zivile Nutzung der Atomkraft und den Bau von Atomkraftwerken. Über Proteste von Bürgerbewegungen konnten immer wieder entsprechende Bauvorhaben oder der Betrieb von AKWs verhindert werden. Eine der größten Anti-AKW-Demonstrationen fand am 14. Oktober 1979 im Bonner Hofgarten (NRW) mit rund 100 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt. Foto: Hans Weingartz (Leonce49 at de.wikipedia) - Eigenes Werk, CC BY-SA 2.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2212663
Kulturerbe des Jahres 2025
Im Gewerbegebiet Könnern (Sachsen-Anhalt), zwischen Magdeburg und Halle, steht einer der weltweit größten Biogasparks mit Gaseinspeisung. Seit der Inbetriebnahme im September 2009 wird aus Pflanzensilage, Mais, Zuckerrübenpressschnitzeln, aber auch aus Gülle – geliefert von ca. 30 Landwirten aus einem Umkreis von etwa 15 km – Biogas hergestellt und ins Netz eingespeist. Die Menge reicht für die Versorgung von rund 10.000 Haushalten mit Wärme und Strom. Foto: Annette Schneider-Reinhardt
Kulturerbe des Jahres 2025
Das „Schulschiff Deutschland“ diente von 1927–1940 zur Ausbildung bei der Handelsmarine. In Zeiten der Dampfschifffahrt wurde hier die Nutzung der Windkraft vermittelt. Der seit 1900 bestehende gleichnamige Verein betreibt das Schiff noch heute als Museum. | Foto: Dirk Gotzmann / BHU
Kulturerbe des Jahres 2025
In Ferropolis (Sachsen-Anhalt), der „Stadt aus Eisen“, kann man auf dem ehemaligen Betriebsgelände des Braunkohletagebaus Golpa-Nord 5 riesige Bergbaumaschinen besichtigen und zum Teil besteigen. Die Idee für Ferropolis entstammt einer Initiative an der Stiftung Bauhaus Dessau. | Foto: Annette Schneider-Reinhardt
Kulturerbe des Jahres 2025
Bergaufzüge und Bergparaden sind seit dem 17. Jahrhundert vor allem in Sachsen ein wichtiges Element der Interessenvertretung der im Bergbau Beschäftigten und gehören als bergbauliche Tradition zum immateriellen Kulturerbe. | Foto: geme, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Kulturerbe des Jahres 2025
Zum Gebäudekomplex des Schlosses Brake gehört seit dem frühen 17. Jahrhundert die Ölmühle. Die heutige Mühle wurde 1808 errichtet und arbeitete bis 1925. Seither ist sie ein technisches Denkmal und für die Öffentlichkeit nach Anmeldung zugänglich. Die Mühlentechnik ist vollständig vorhanden. Im Anbau sind Holzmodelle der verschiedenen Nutzungen von Wassermühlen untergebracht. Foto: Alt Lemgo e.V.
Kulturerbe des Jahres 2025
Der 5-armige Gas-Kandelaber in der Charlottenburger Schloßstraße (Berlin) ist ein Original aus dem Jahre 1906. Im Hintergrund ist das Charlottenburger Schloss zu sehen. Der Verein Gaslicht-Kultur kümmert sich um das reiche Erbe von annähernd 20.000 Gaslaternen in Berlin. Foto: Bertold Kujath, Gaslicht-Kultur e.V.