Baukulturelle Vielfalt

Als Zeichen der Identität und hoheitlichen Selbstständigkeit von Städten und Gemeinden geht von Amts- und Rathäusern eine starke symbolische Kraft aus. Mit ihren Bauformen, Raum- und Bildprogrammen wird das Gemeinwesen repräsentiert. Auch sind Rathäuser Orte der Kommunikation sowie Treffpunkt der Bürgerinnen und Bürger. Oft finden sich alle kommunalen Institutionen wie Einwohnermeldeamt, Standesamt, Stadtkasse, aber auch der Ratssaal usw. unter einem Dach. Nicht selten sind Säle für Festlichkeiten der Stadt im Rathaus zu finden. Durch die unterschiedlichen Architekturstile spiegeln die Bauten immer auch Zeitgeist sowie ein bestimmtes Gesellschaftsverständnis und natürlich die jeweiligen Entstehungsbedingungen wider und stellen somit ein Zeichen für den Wandel der Gesellschaft dar. Als Repräsentativbauten waren Amts- und Rathäuser Symbol für die Erschließung und Entwicklung einer Region. Sie wurden meist an exponierter und zentraler Stelle errichtet und bildeten häufig den Mittelpunkt einer Stadt. Vom ländlichen Bereich bis zu den Städten und Metropolen ist so eine große baukulturelle Vielfalt entstanden. Dabei durchlief das Rathaus als eigenständiger Bautypus eine lange Entwicklungsphase. Architektonische Merkmale älterer Amts- und Rathäuser sind vor allem der Turm, die Laube sowie die Freitreppe. Die Türme, oft das auffälligste Merkmal, dienten als Archiv oder Schatzkammer, aber auch als Gefängnis. Oft beherbergte der Rathausturm – neben dem Kirchturm – zudem die einzige öffentliche Uhr der Stadt. Während die Laube als Gerichtsort diente, hatte die Freitreppe eine rein repräsentative Aufgabe. Ab dem Mittelalter entwickelten sich Rathäuser als bedeutsame Profanbauten der Städte, wurden größer und prächtiger und konkurrierten mit den Bauten des Adels und der Kirche. Bei Rathäusern jüngerer Generationen reicht die architektonische Vielfalt vom einfachen Saalgeschossbau bis hin zum weitläufigen Baukomplex und zum Hochhaus. Viele markante Rathausbauten prägen bis heute das Zentrum von Städten, sind Orientierungsund touristische Anziehungspunkte. Um den Wert der Gebäude in der Öffentlichkeit bewusst zu machen und ein Bewusstsein für die Bauten zu schaffen, kann somit das oftmals vorhandene Potenzial von Rathäusern als unverwechselbares Merkzeichen im Stadtbild genutzt werden.

Kulturdenkmal des Jahres

Der Bund Heimat und Umwelt in Deutschland (BHU) hat für 2013 „Historische Amts- und Rathäuser“ als Kulturdenkmal des Jahres ausgewählt. Der BHU als Bundesverband der Bürger- und Heimatvereine, der mit seinen Landesverbänden die Interessen von rund einer halben Million Bürgerinnen und Bürgern vertritt, möchte mit der jährlichen Initiative „Kulturdenkmal des Jahres“ auf bedeutende und erhaltenswerte Kulturlandschaftselemente aufmerksam machen. Denn schützen und erhalten lässt sich nur, was man kennt und daher bewusst wahrnimmt. Historische Amts- und Rathäuser sind dafür ein hervorragendes Beispiel.

Gefährdete Kulturlandschaftselemente

Die Nutzungskontinuität sorgte einerseits für die Erhaltung vieler Rathäuser, andererseits waren aber oftmals Um- oder Neubauten notwendig, um neue Nutzungsansprüche zu befriedigen. Insofern haben zahlreiche Rathäuser ihr ursprüngliches Erscheinungsbild bereits verloren. Vor allem mit Beginn der Eingemeindungen ab dem 19. Jahrhundert erlitten viele historische Amts- und Rathäuser einen Funktionsverlust und wurden umgewidmet. Gleichzeitig wurden aufgrund der Rationalisierung von Behördenabläufen neue und größere Gebäude notwendig, wenn mehrere kleine Rathäuser zusammengelegt wurden. Während die historischen, bis zum frühen 20. Jahrhundert entstandenen Gebäude in ihrem baukulturellen Wert meist als Denkmäler unter Schutz gestellt sind, steht die Architektur der Nachkriegsmoderne, zu der zahlreiche Rathausgroßbauten der 1950er bis 1970er Jahre zählen, aktuell auf dem Prüfstand. Als Zeichen ihrer Zeit und oftmals von durchaus qualitätvoller Architektur, verdienen auch diese modernen Rathäuser einen zweiten Blick, eine entsprechende Würdigung und fallweise eine Unterschutzstellung. Auch wegen ihrer begrenzten Akzeptanz in der Gesellschaft bedürfen die Rathäuser der Nachkriegsmoderne eines besonderen Schutzes. In seiner Publikation „Klötze und Plätze. Wege zu einem neuen Bewusstsein für Großbauten der 1960er und 1970er Jahre“ zeigt der BHU Probleme und Potenziale solcher Bauten auf und regt dazu an, Qualitäten zu entdecken und zu vermitteln.

Ihre Mitwirkung

Historische Amts- und Rathäuser sind Teil unseres kulturellen Erbes. Daher gilt es, diese durch Nutzung und Abnutzung, durch Veränderung und Anpassung in großer Anzahl gefährdeten Bauten, systematisch zu erfassen und aufzuarbeiten, um die schützenswerten Gebäude bestimmen zu können. Für diesen Diskurs und für den Prozess der Wertschätzung sind Vermittlungsarbeit und Dialoge gefragt. Aufgrund der großen Anzahl gefährdeter Bauten sowie der drängenden Zeit, ist es notwendig, dass Amt und Ehrenamt zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen. In diesem Sinne ist es auch notwendig, dass das vielerorts vorhandene Interesse in den Heimat-, Bürger- oder Kulturvereinen weiter gefördert wird. Wir freuen uns über Informationen von Ihnen, damit wir der Öffentlichkeit den hohen Wert der Kulturgüter anschaulich vermitteln können. Gemeinsam mit seinen Landesverbänden setzt der BHU sich für das bürgerschaftliche Engagement ein und steht als Ansprechpartner gerne zur Verfügung.