Wege in der Geschichte – Wege in der Kulturlandschaft

Im Laufe der Geschichte hat sich in Europa ein weitläufiges Wegenetz mit den unterschiedlichsten Wegetypen entwickelt. Agrarwege, Vieh- und Triebwege, Handelsstraßen, Postrouten, Heerstraßen, Schifffahrtswege auf Flüssen und Kanälen, Kirch-, Pilger- und Wallfahrtswege, Wanderwege und Erlebnisrouten, aber auch Wege des Gedankenaustauschs und des Transports von Ideen und Erfindungen sind einige Beispiele. Günstige Routen, die intensiv genutzt wurden, wurden fester Teil der Landschaft und des kulturellen Gedächtnisses. Immer wieder kam es auch zu großangelegten Neuplanungen wie Kanälen oder Chausseen bis hin zu Autobahnen. Menschliches Zusammenleben und Wirtschaften sowie die soziale Organisation spiegeln sich wider in Wegebeziehungen und Wegenetzen und damit in der Landschaft. In unserer Wahrnehmung der Kulturlandschaft können Wege durchaus unauffällig sein, so z.B. Weide- und Triftwege, die zu den verschiedenen landwirtschaftlichen Wirtschaftsflächen führen. Andere Wege – wie Eisenbahntrassen – fallen unmittelbar auf. Sogar die fast unsichtbaren Luftwege haben Geschichte, so ist auch die Luftbrücke nach Berlin fester Teil der Erinnerung geworden. Unsere Wegenetze sind Zeugnis unserer Kulturgeschichte.

Kulturdenkmal des Jahres

Der Bund Heimat und Umwelt in Deutschland (BHU) hat für 2012 „Historische Wege“ als Kulturdenkmal des Jahres ausgewählt. Der BHU als Bundesverband der Bürger- und Heimatvereine, der mit seinen Landesverbänden die Interessen von rund einer halben Million Bürgerinnen und Bürgern vertritt, möchte mit der jährlichen Initiative „Kulturdenkmal des Jahres“ auf bedeutende und erhaltenswerte Kulturlandschaftselemente aufmerksam machen. Denn schützen und erhalten lässt sich nur, was man kennt und daher bewusst wahrnimmt. Historische Wege sind dafür ein hervorragendes Beispiel.

Historische Wege erzählen Geschichten

Jeder Weg birgt eigene Geschichten. Geschichten, die Menschen erlebt haben, sei es beim Bau der Verkehrswege, auf Reisen oder bei anderen Gelegenheiten. Zahlreiche historische Landkarten und Flurpläne enthalten Begriffe, die auf alte Wege hindeuten. Solche Wegbezeichnungen verweisen zum Beispiel auf die Bedeutung als mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Handelsweg und wurden nach der hauptsächlich darauf transportierten Ware – wie Salz oder Eisenerz – als Salz- oder Eisenstraße benannt. Viele historische Wege zwischen Orten zeigen auch, wie sich Siedlungen entwickelt haben. Bis ins Mittelalter verliefen Wege und Straßen oft auf Höhenrücken entlang der Mittelgebirgskämme und Wasserscheiden, da die Täler meist dicht bewachsen, feucht und auch gefährlich waren. Zudem stellten Flüsse oft unüberwindbare Hindernisse dar. Wege sind auch dem immateriellen Kulturerbe zuzurechnen, da ihre Bedeutung auf dem Wissen um ihre Geschichte beruht. Zahlreiche Wege verlaufen grenzüberschreitend oder durchziehen sogar mehrere Länder Europas. Hierzu zählen z.B. die Jakobspilgerwege, die unter königlichem Schutz stehenden Via Regia oder der Hellweg. Viele Wege haben im Laufe der Geschichte einen Bedeutungswandel erfahren und so liegen viele moderne Straßen auf bewährten historischen Trassen.

Gefährdete Kulturlandschaftselemente

Im Zuge der heutigen Landschaftsveränderungen geht eine Vielzahl von Kulturlandschaftselementen verloren. Dies gilt insbesondere für Elemente, die nicht mehr genutzt werden. Mit dem Fortfall von politischen, wirtschaftlichen und sozialen Organisations- und Nutzungsformen im Laufe der Geschichte haben viele Wege ihre direkte funktionale Bedeutung verloren. Durch Fortfall der Nutzung und damit der Instandhaltung können sie im Landschaftsbild verlorengehen. Auch die Intensivierung der Landwirtschaft und die Ausdehnung der Siedlungsflächen führen zum Verlust historischer Wege. So werden z.B. durch den Straßenbau alte Wegverbindungen zerschnitten, unbefestigte und tief eingeschnittene Hohlwege planiert und ihr Bewuchs gerodet. Das Verschwinden von historischen Wegen zieht oft weitere Verluste nach sich. Wegbegleiter wie etwa Herbergen und Gasthäuser, Rast- und Umspannplätze, Kapellen und Bildstöcke, Grenz- und Meilensteine zählen dazu. Gerade diesen Elementen gebührt jedoch große Aufmerksamkeit, denn mit ihnen lassen sich die Geschichte, Funktion und Eigenart von Wegen belegen. Zugleich mit den Wegen verschwinden schließlich auch wertvolle Kleinbiotope, die vielen Arten als Lebensraum dienen. Historische Wege als Quellen der Kultur-, Agrar-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte müssen in der Öffentlichkeit also bewusst gemacht werden, um ihre Erhaltung zu ermöglichen.

Ihre Mitwirkung

Historische Wege sind Teil unseres kulturellen Erbes. Daher gilt es, sie zu erfassen und zu erhalten. Hierzu ist die Zusammenarbeit vieler Akteure erforderlich. Gleichzeitig ist es erforderlich, diese Kulturlandschaftselemente in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Zu diesem Ziel kann jeder Bürger beitragen. Wir freuen uns über Informationen von Ihnen, damit wir der Öffentlichkeit den hohen Wert der Kulturgüter anschaulich vermitteln können. Gemeinsam mit seinen Landesverbänden setzt der BHU sich für das bürgerschaftliche Engagement ein und steht als Ansprechpartner gerne zur Verfügung.