Gerichtsstätten

Gerichtsstätte und Hinrichtungsort lagen früher oft räumlich getrennt. Als Orte der Gerichtsbarkeit erscheinen Wälder, Baumplätze, Wiesen, Stellen am Wasser, Gruben, Berge, große Steine, Plätze vor Toren, Straßen oder Kirchhöfe. Erst seit der Karolingerzeit tagten sie auch unter Dach. Als Baumplätze waren Eichen, aber vor allem Linden sehr beliebt. Gerichtslinden sind in der Regel alte Bäume, die an herausgehobener Stelle im Dorf oder in dessen Nähe stehen. Unter ihnen wurde im Mittelalter das Dorfgericht oder die Ratsversammlung, das sogenannte Thing, abgehalten. Alte Gerichtslinden findet man heute noch in vielen Orten, z. B. in Frankfurt am Main. Die Gerichtslinde in Hanau-Steinheim ist etwa 350 Jahre alt. Bei ihr soll das Steinheimer Land- oder Centgericht zusammengetreten sein. Gerichtsstätten konnten auch mit Grenzen von landesherrlichen Territorien zusammenfallen. Damit sollte dem Nachbarn die eigene Gerichtsbarkeit und somit die Macht deutlich vor Augen geführt werden.
Ausdrücklich berücksichtigen und miteinbeziehen möchte der Bund Heimat und Umwelt auch die Gerichtsstätten der Neuzeit. Entsprechende Anlagen sind die zahlreichen Amts-, Land- und Oberlandesgerichte, als Richtstätten im modernen Sinne aber auch Hofrichterstuhl in Rottweil (Baden-Württemberg), Gefängnisse. Sie sind häufig im 19. Jahrhundert errichtet worden und stehen meist unter Denkmalschutz. Als Beispiel sei hier das Landgericht Bonn genannt, das in der Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut wurde.

Kulturdenkmal des Jahres

Der Bund Heimat und Umwelt in Deutschland (BHU) hat als Kulturdenkmal des Jahres 2009 „Richt- und Gerichtsstätten” ausgewählt. Als Bundesverband der Bürger- und Heimatvereine, der mit seinen Landesverbänden die Interessen von rund einer halben Million Mitglieder vertritt, möchte der BHU mit dieser Jahresaktion auf erhaltenswerte Kulturlandschaftselemente aufmerksam machen. Denn schützen und erhalten lässt sich nur, was man kennt.

Das Rechtssystem

Bedeutend ist auch der Sachsenspiegel, der als erstes in deutscher Sprache verfasstes Rechtsbuch gilt. Er fixierte bis dahin nur mündlich tradiertes Gewohnheitsrecht in schriftlicher Form, war jedoch kein Gesetz. Was als Momentaufnahme des Autors Eike von Repgow, dessen Ersterwähnung sich in diesem Jahr zum 800. Mal jährt, zu Beginn des 13. Jahrhunderts gedacht war, wurde gebietsweise bis in das 19. Jahrhundert genutzt. Privatrechtlich berief man sich sogar noch 1932 auf den Sachsenspiegel.

Richtstätten

Anders als die Orte der Rechtsprechung sind die Relikte der Richtstätten heute oft nicht mehr existent. Die baulichen Überreste von Galgen sind gegenwärtig kaum noch vorhanden, da sie in der Regel aus Holz bestanden. Für die Errichtung war zum Zweck der Abschreckung ein möglichst markanter, weithin sichtbarer Ort ausschlaggebend. Der Standort in Frankfurt-Nieder-Eschbach ist in einer Karte von 1904 als „Galgenberg“ verzeichnet. Es handelt sich hier um einen kleinen Hügel in einer Bodensenke; das Plateau darüber, auf dem heute ein Kirschbaum steht, eignete sich für Zuschauer. Manche Galgen dienten wohl auch Repräsentationszwecken, so etwa der Galgen in Wörth. Seit dem späten 13. Jahrhundert als Richtstätte belegt, wurden die 7 m hohen Galgensäulen im Jahr 1754 errichtet. Der Galgenstrick war an einem Holz, das vertikal zwischen den Buntsandsteinsäulen angebracht war, befestigt. Häufig lassen sich ehemalige Richtstätten nur noch in Flurnamen, wie Galgenberg, wiederfinden. Mehrfach erhaltene Zeugen der Geschichte sind dagegen Pranger. Hier wurden Verurteilte wegen kleinerer und größerer Vergehen der Öffentlichkeit und gegebenenfalls deren Sanktionen ausgesetzt.

Die heutige Situation

Das Rechtssystem des Mittelalters blieb in seinen Grundzügen, auch nach Reformen in der Frühen Neuzeit, noch lange bestehen. Erst im 19. Jahrhundert kam es zu grundle- genden Neuerungen in der Gerichtsbarkeit. Die Gerichte wurden endgültig in die Siedlungszentren verlegt und die Richtstätten wurden nach und nach durch die neuen Gefängnisse ersetzt. Damit gingen häufig auch die Kenntnis dieser Stätten und das Wissen um die ursprüngliche Bedeutung verloren. Dabei sind diese historischen Elemente wichtige Zeugen der Entwicklung unserer Rechtsgeschichte.

Ausblick

Der Bund Heimat und Umwelt möchte mit seiner jährlichen Wahl des Kulturdenkmal des Jahres auf bedrohte Elemente unserer Kulturlandschaft hinweisen. Die Wahrnehmung und das Verständnis der eigenen Geschichte ermöglichen das Begreifen der Gegenwart und schaffen das notwendige Engagement zum Schutz der eigenen Kulturgeschichte und Kulturlandschaft.